Herausforderndes Verhalten und Autismus

Kinder mit Autismus zeigen manchmal Verhalten, das uns herausfordert. Verstehen und Begleiten sind Schritte auf dem Weg zur Lösung für beide Seiten.

Herausforderndes Verhalten bringt alle Beteiligten an ihre Grenzen, besonders den betroffenen selbst.

 

Was ist herausforderndes Verhalten bei Autisten

 

Es gibt viele formen herausfordernden Verhaltens. Wichtig ist zu realisieren

 

  • Das Umfeld fühlt sich herausgefordert!

 

  • Nicht: Der Handelnde will herausfordern!

 

Ob ein Verhalten als herausfordernd gilt, hängt insbesondere von den Erwartungshaltungen oder den Vorstellungen des Umfeldes ab.

Beispiele:

  • Passive Verweigerung
  • Formen des “herausfordernden” Verhaltens sind vielfältig
  • Harsches Kritisieren von Personen
  • Ignorieren von Regeln und Anweisungen
  • Beharren auf bestimmten Regeln, Abläufen
  • Aggressive Beschimpfungen
  • Spucken, Schreien, um sich schlagen, Wegschubsen
  • Sachbeschädigung
  • Eigengefährdung
  • Fremdgefährdung

In die Liste eingeschlossen werden viele Arten des sogenannte Stimmings. Sie dienen zum einen dem Abbau von Spannungszuständen, sind nach einer neueren Studie aber auch durchaus emotionale Ausdrucksweisen, die häufig eine Form der Kommunikation darstellen:

Verhalten

Assoziierte Emotion

Selbstgesprächehyperfokussiert
Fingertippennervös
Beißen auf Lippen, Zunge, Wangenängstlich
Zähneknirschengestresst
Hin und herlaufennachdenkend
Haare ausreißenfrustriert
Reiben an Armen oder Beinenängstlich
HändeflatternErregt, angespannt
Zunge raussteckenhyperfokus
Sich die Augen drückengestresst
Fäuste öffnen und schließenwütend
Hin- und her wippenSich beruhigen
Sich selbst beißenängstlich
Kopf anschlagen oder schlagenVerzweifelt, Verärgert

Quelle:

Ekblad, Leif & Pfuhl, Gerit. (2017). Autistic self-stimulatory behaviors (stims): Useless repetitive behaviors or nonverbal communication?. .

https://www.researchgate.net/publication/317388567_Autistic_self-stimulatory_behaviors_stims_Useless_repetitive_behaviors_or_nonverbal_communication

 

Natürlich gibt es noch sehr viele Stimmings, wie beispielsweise auch akustische, wie Summen oder Singen, spielen an verschiedensten Gegenständen, Beobachten von Gegenständen etc.. Die o.g. Emotionen müssen nicht für jeden Autisten als allgemeingültig angesehen werden, denn jeder Mensch ist individuell, können aber Hilfen und Hinweise geben, Verhalten zu ergründen.

Stimmings sind also sehr wichtig und haben bedeutende Funktionen. Man kann sie nicht unterbinden! Gegebenenfalls kann man sie sozialverträglich umlenken. (alternative Verhaltensweisen erlernen)

Warum tritt herausforderndes Verhalten auf?

Betreuende Personen sehen diese Verhaltensweisen oft als in der autistischen Person begründet. Beurteilen sie diese intuitiv und nach ihren eigenen Erfahrungen, erkennen sie Aggressivität, Infragestellen der eigenen Autorität und/ oder persönliche Beleidigung. Das ist falsch! Stattdessen muss das Problem im Kontext betrachtet werden, so dass herausforderndes Verhalten nicht einzig und allein an der autistischen Person festgemacht wird. Vielmehr sollte es als Ausdruck eines „gestörten Verhältnisses“ zwischen Individuum und Umwelt verstanden werden. Zwischen

 

  • Personen (z.B. Meinungsverschiedenheiten, Aufforderungen)
  • Objekte (z.B. über- oder unterfordernde Aufgaben)
  • Situationen (z.B. zu viele Menschen auf wenig Raum, hoher Lärmpegel).

 

In diesem Zusammenhang muss das Verhalten als Problemlösungsverhalten und Bewältigungsstrategie angesehen werden mit der die autistische Person Situationen die unangenehm, belastend, unter- oder überfordernd, stresshaft oder Angst erzeugend sind, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, bewältigt

Das Bemühen, autistisches Verhalten durch Therapie oder Pädagogik abzutrainieren, ohne seinen Zweck vollkommen zu verstehen ist nicht hilfreich und hat meistens keinen Erfolg, sondern führt häufig zu einer Verschlimmerung der Situation!

 

Das Verhalten ist nicht das Problem –

es dient der Lösung eines Problems!

 

Generelle Strategien mit herausforderndem Verhalten bei Autisten:

  1. Stress reduzieren!*
  2. Nicht persönlich nehmen
  3. Herausforderndes Verhalten ist nicht aggressiv gemeint!
  4. Es stellt Autorität nicht in Frage!
  5. Daher muss Autorität nicht gewahrt werden!
  6. Gelassen bleiben und Ruhe bewahren!
  7. Keine Dominanz!
  8. Beobachten, Dokumentieren, Beraten
  9. Lösungsversuch erkennen
  10. Auslöser finden
  11. Auslöser beseitigen oder vermindern

 

*hierzu ist eine umfassende Kompetenz in Bezug auf autistische Wahrnehmungswelten, Kommunikation, Weltsichten etc. ebenso notwendig, wie die genaue und wertfreie Beobachtung des Individuums. Eine Beurteilung aus der eigenen Sichtweise ist fehl am Platz! Ebenfalls unerlässlich eine weitreichende Kontrolle des eigenen Verhaltens und intuitiven Bewertens.

Stress: Akustisch, Olfaktorisch Gerüche), Taktil (Tastempfindungen), Optisch, Sozial, eigene Körperempfindungen etc.

Abzuleitende Handlungsweisen zur Krisenintervention

  1. Kein intuitives Handeln! Kontrolle des eigenen Verhaltens
  2. Aufmerksam beobachten, nicht vorschnell schließen, Beobachtungen analysieren.
  3. Personen die professionell auf Autorität angewiesen sind müssen entgegen ihren Intuitionen und Erfahrungen reagieren.
  4. Nicht auf der Persönlichkeitsebene reagieren! Sich nicht angegriffen fühlen!*
  5. Lösungsorientiert handelt, nicht sanktionierend

 

*oft ist das Verhalten der eigenen Empfindung nach in irgendeiner Weise ein Angriff. Dieser wird jedoch aus Sicht der Betroffenen eher zur Verteidigung und als Überlebensstrategie eingesetzt. Daher ist lösungsorientiertes, verstehendes Verhalten gefragt.

 

Was gilt es zu beachten

  1. Überprüfen der eigenen Erwartungen: Aus der Krisenintervention wird in den seltensten Fällen eine Verhaltensänderung resultieren!
  2. Alternative Verhaltensweisen können nur dann entwickelt, aufgebaut und verstärkt werden, wenn aus Krise, Beobachtung und Analyse  auf Verhaltenszweck/ziel und Auslöser geschlossen wird! Lösungsorientiert, verstehendes Vorgehen.
  3. Die Beobachtung und das Verstehen lassen eine andere Art der Kommunikation möglich werden, so dass Signale für das individuelle Spannungsniveau vor einer Krise erkannt werden können!

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Quellen:

 

http://barryprizant.com/wp-content/uploads/2015/07/asq14_problem_behavior_part_2_summer_2011.pdf

Theunissen, Georg. Autismus und herausforderndes Verhalten: Praxisleitfaden für Positive Verhaltensunterstützung (German Edition) Lambertus-Verlag. Kindle-Version.

Anne Häußler, Antje Tuckermann, Markus Kiwitt; Praxis Teacch, Wenn Verhalten zur Herausforderung wird, Borgmann Media